'; Rhein-Main Krimis

Kriminelles in Rhein-Main

Sabine Hofmann (Deutschland): Totenwinter

Verlag
Aufbau Verlag Berlin
Jahr
2022
Seiten
352
ISBN
3746639638
Genre
Krimi
Region
Nordrhein-Westfalen
Orte
Bochum
Thema
Geschichte

Bochum im Winter 1947. Hannes Birkner, ehemaliger KZ-Häftling und nun Vorsitzender des Betriebsausschusses der Stahlwerke wird erschossen in einem alten Eisenbahnwaggon gefunden, in dem sich auch Reste von Milchpulver finden. Wollte Birkner am Schwarzmarkt (den er als Arbeiterführer kritisierte) Nahrung für seine hungernden Kinder kaufen? Oder war er für die Werksleitung zu gefährlich und musste unschädlich gemacht werden? Oder waren es gar Konkurrenten in der Arbeiterschaft? Oberinspektor Dietrichs und sein Kollege Kleinert haben es also mit einer ganzen Reihe von möglichen Motiven und Verdächtigen zu tun und müssen mühsam recherchieren, wer wo und wann was getan hat. Zumal die Polizei zwei Jahre nach dem Ende des Nazi-Regimes besonders im Arbeitermilieu keinen guten Ruf hat (mit Ausnahme Kleinerts, der als „Roter“ 12 Jahre aus dem Polizeidienst ausgeschlossen war). Wichtige Hinweise können Zeugen geben, die vom Kriminalassistenten Stratmann von der Schwarzmarktbekämpfung ausfindig gemacht werden. Dabei wird ein eindrückliches Bild gezeichnet, wie verzweifelt die Menschen versuchten, Kälte und Hunger zu bewältigen. Einen Einblick in die Lage der eher (und von jeher) Begüterten erhält die junge aus Ostpreußen geflohene Edith Marheinecke durch ihre Arbeit als Sekretärin des findigen und undurchsichtigen Anwalts Pollmann. Ein zufällig mitgehörtes Gespräch zwischen Pollmann und dessen Chauffeur Hansen legt den Schluss nahe, dass der Anwalt in den Mord an Birkner verstrickt ist. Edith schwankt, ob sie sich dem neugierigen Journalisten Mantler oder lieber der Polizei anvertrauen soll. Lebensgefährlich wird es für sie allemal.

Wow – selten hat mich ein Krimi so gefesselt – und berührt. Solides Krimi-Handwerk, dass die Leser*innen mitkombinieren, aber höchstens ahnen lässt, welche der ausgelegten, verzweigten Spuren denn die richtigen sind und am Schluss eine lebensechte Auflösung bietet. Besonders beeindruckend ist die atmosphärisch dichte Beschreibung der damaligen Lebensverhältnisse. Fast spürt man beim Lesen, wie die Kälte in den schlecht geheizten Wohnungen durch die Kleidung dringt, wie der Hunger in den Mägen nagt und wie Perspektivenmangel und Depression die (ärmeren) Menschen niederdrückt. Während die (immer schon) Besitzenden zielstrebig daran arbeiten, dass dies auch so weitergeht. Sehr empathisch in Szene gesetzt hat die Autorin das Ringen der Protagonist*innen, die nicht zur kaltblütigen vorgenannten Sorte gehören, mit ihrer Vergangenheit (ob Verstrickung oder Verfolgung oder traumatisierendes Erleben) und das Zurechtfinden (und natürlich überhaupt überleben) in der neuen Welt. Am drängendsten der durch das KZ gebrochene Hannes Birkner, aber auch Edith (und die Erinnerung an ihren Nazi-Vater), Dietrichs (der „die Füße stillgehalten hat) und sogar Kleinert (dem wenig subtil vorgeworfen wird, dass ihm ja 12 Jahre Polizeipraxis fehlen). Denn natürlich sind sie schon wieder da – jene, die 2 Jahre nach der braunen Menschenschlächterei nur die „rote Gefahr“ sehen wollen. Sabine Hofmann hat – verbunden mit einem spannenden Krimi – eine Geschichte geschrieben, die literarisch an die Böllsche Ästhetik der Waschküchen erinnert – würdig, als historisches Lesebuch an den Schulen zu dienen.

Buchcover TotenwinterMit freundlicher Genehmigung Aufbau Verlag

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